Neuss Erfttal - Abriss der Bausünden
VON JESSICA DEDIC
Erfttal - Der Gemeindesaal im Bürgerzentrum Bedburger Straße
ist brechend voll. Die Stühle reichen für die vielen Menschen schon nicht mehr
aus und Heinz Sahnen, CDU-Stadtverordneter für Erfttal, ruft den letzten Reihen
zu: „Wir stellen hier vorne noch eine Bank auf, damit auch Sie sich hinsetzen
können!"
Das große Interesse an der Bürgerversammlung war nicht sonderlich
überraschend, denn schließlich geht es um ein für die Erfttaler bewegendes
Thema: Den Abriss von mehr als zweihundert Wohneinheiten an der Euskirchener
Straße und den Neubau von 110 neuen, sozialverträglicheren Wohneinheiten bis
zum Jahr 2010.
Sozialverträglich, das bedeutet, dass die alten Wohnhäuser, die noch aus den
Siebziger Jahren stammen, und von Sahnen als „wahre Bausünden"
bezeichnet wurden, ersetzt werden durch niedrigere, das Gebiet öffnende
Baueinheiten mit Miet- und Gruppenwohnungen (für betreutes Wohnen), sowie 18
Reiheneigenheime. Es soll aber nicht nur für mehr Raum gesorgt werden,
zusätzlich sollen die Baueinheiten energiefreundlicher und moderner werden und
so das Stadtbild verschönern.
Der Neusser Bauverein investiert in dieses Unternehmen mehr als 20 Millionen
Euro, fünf Millionen allein schon in den Abriss. „Man muss bedenken, dass die
Wohnhäuser bei der Stadt noch verschuldet sind und die Schulden erstmal getilgt
werden müssen. Dann müssen die Menschen, die jetzt noch hier wohnen, ausziehen
und neue Wohnungen finden", erklärte Frank Lubig, Vorstandsvorsitzender
des Neusser Bauvereins.
Diese so genannte Entsiedelung der Menschen war auch ein wichtiges Thema auf der
Bürgerversammlung. Unterstützt werden die Anwohner, die ihre Wohnungen
verlassen müssen, vom Neusser Bauverein. Prokurist Thomas Faßbender erklärt
die Vorgehensweise: „Die Menschen werden angesprochen und wir versuchen dann
zusammen mit ihnen eine möglichst geeignete, neue Wohnung zu finden. Niemand
ist dazu verpflichtet die ihm angebotene erstbeste Wohnung zu nehmen, aber wir
können natürlich auch keine Wohnungen anbieten, deren Standard weit über dem
jetzigen liegt." Für die derzeitigen Anwohner sei nicht nur die
Entsiedelung ein schwieriges Unterfangen. Eine Anwesende möchte nach Beendigung
des Bauunterfanges wieder zurückziehen und behauptete, dass ihr schon eine
Wohnung in den neuen Gebäuden versprochen worden sei.
Thomas Faßbender erklärte dazu: „Wir nehmen Reservierungen an und versuchen,
denjenigen, die zurückkommen wollen, die Möglichkeit zu geben, das auch zu
tun. Versprechen können wir aber leider nichts." Einen anderen Teilnehmer
beunruhigte eine ganz andere Angelegenheit: „Wir haben gehört, dass jeder
sich die Wohnungen kaufen kann, er muss nur genügend Geld mitbringen. Das
wollen wir aber nicht!" Er befürchte eine weitere Überfremdung des
Gebietes. Sahnen wiegelt ab: „Wir wollen natürlich für eine gerechte
Verteilung der Wohnungen sorgen. Wir achten aber darauf, dass hier Menschen
einziehen, die die soziale Stabilität des Quartiers förden. Es soll aber keine
elitäre Schicht kreiert werden."
Frank Lubig sieht die Aktion alles in allem sehr positiv: „Ich bin mir sicher,
dass sich die Lebensqualität der Menschen, die hier leben, verbessern wird. Das
ist ein richtiger Schritt in die Zukunft, der zu einer positiveren Atmosphäre
in dem Stadtteil führen wird."
Quelle: Bericht der Neuss-Grevenbroicher Zeitung vom 14.3.2007
http://www.ngz-online.de/public/article/regional/neuss/nachrichten/417333