Muslime feiern auch hierzulande ihr Opferfest  - "Türken wollen gute Nachbarn sein"

Die Männer strahlen Herzlichkeit aus. Offen gehen sie aufeinander zu: der Bruderkuss für Freunde und Bekannte, ein Handschlag für den Fremden. Eine Schüssel mit Bonbons und Kugelschreiber-Präsente symbolisieren die Bereitschaft zu teilen, den Menschen Freude zu bereiten. Die Muslime feiern ihr Opferfest, das höchste Fest, das der Islam kennt.
Rund 1.500 Gläubige begannen den Feiertag gestern Morgen mit einem Gebet in der Ayasofya Anadolu Moschee an der Schellbergstraße in Derikum. Den Tag verbringt, wer vom Arbeitgeber Urlaub gewährt bekam, im Kreis der Familie, besucht Verwandte und Freunde. Zum Opferfest gibt, wer besitzt, gut und gern an Bedürftige. Zum Ritus gehört traditionell das Schlachten von Schafen und Ziegen, das Teilen der Mahlzeit. Am Montag war in den Familien der über 7.000 in Neuss lebenden Türken alles anders. "90 Prozent der Haushalte schlachten nicht", sagt Mustafa Ünlü. Der Maul- und Klauen-Seuche (MKS) keine Chance. Im Komplex an der Schellbergstraße mit prachtvoll dekoriertem Gebetsraum, Reisebüro, Lebensmittel-Markt und Teestube hängen die Hinweis-Briefe des Kreisvetrinäramtes aus. "Wir halten uns an die Spielregeln", versichert der Vorsitzende des Trägervereins.
So wird die ohnehin große Spendenbereitschaft noch einmal belebt. Viele schicken den in der Türkei lebenden Familienmitgliedern Geld. Und auch vor und nach dem Frühgebet füllen Geld-Scheine den Sammelbeutel. "Wir wollen möglichst schnell unsere Schulden tilgen", sagt Ünlü, "noch haben wir 3,3 Millionen Mark zu zahlen". Sieben Millionen Mark hat nach Angaben der Bauherren das Projekt gekostet, das sich ausschließlich über Spenden finanziere und erst vor sechs Jahren mit dem Kauf des 2.000 Quadratmeter großen Grundstücks gestartet worden sei. Ünlü zeigt sich zuversichtlich, dass der "Türkisch Islamische Kulturverein", der als Träger fungiert, schon in wenigen Jahren schuldenfrei ist.
Der Verein gehöre der "Ditid" an, einer Dachorganisation, die in Deutschland 782 Moscheen unterhalte. Die Vorbeter, zumeist Beamte, würden vom türkischen Staat auch ins Ausland zugeteilt. Ünlü will die "Moschee" als offenes Haus für "alle Neusser" führen und freut sich über steigendes Interesse der (deutschen) Nachbarn: "Viele Gruppen kommen, besuchen uns, informieren sich. Mit unseren direkten Anliegern pflegen wir ein sehr gutes Verhältnis." Längst nähmen viele seiner Landsleute Neuss als (zweite) Heimat an: "Eine schöne Stadt, in der wir gern leben". Der heute 65-Jährige kam vor 36 Jahren nach Neuss, stand über drei Jahrzehnte in Diensten der VAW, ehe er soeben in den Ruhestand eintrat. Er glaubt an eine gute Zukunft: "Wenn Deutsche und Türken ehrlich aufeinander zugehen, werden sie gemeinsam Probleme lösen."
Ludger Baten
Informationen, auch in deutscher Sprache: http://www.neussayasofyaanadolucamii.via.t-online.de. - Bank: Türkisch Islamischer Kulturverein, Konto-Nummer 260 158 0015 bei der VR Bank (BLZ 305 605 48)

Quelle: NGZ vom 6. März 2001

http://www.wernerschell.de