Statement bei der Kundgebung am 17.05.2008 in Köln-
Text
ist zur Übernahme frei!
Der
Pflegenotstand ist da!
….
ich begrüße Sie, auch im Namen der 1.
Vorsitzenden, Frau Adelheid von Stösser,
alle sehr herzlich und darf Ihnen versichern, dass der Pflege-SHV Ihren Aufruf für
menschenwürdige Pflege uneingeschränkt unterstützt.
Ein solches Bekenntnis drängt
sich sogar auf, weil wir uns als Initiative für menschenwürdige Pflege verstehen. Wir sind eine Lobby
für Patienten und pflegebedürftige Menschen (bzw. ihrer Angehörigen). Die
Pflegekräfte sind dabei
wichtige Verbündete.
Pflegeleistungen sind in
Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen oft deshalb nicht ausreichend,
mancherorts sogar gefährlich, weil es an den zwingend notwendigen Stellen für Pflegekräfte fehlt! Das ist der
entscheidende Punkt. Es gibt nicht einmal
vernünftige Pflegepersonalbemessungssysteme!
Pflegestellen
werden als bloße Kostenfaktoren
betrachtet und nach Belieben anderen Bedürfnissen
untergeordnet. Die Hoheit über die Pflegestellen liegt weitgehend bei den
Kranken- und Pflegekassen. Wir schätzen den Fehlbedarf mit mindestens 20%
ein.
Dieser Fehlbedarf
ist im Pflegeversicherungsrecht sogar strukturell
angelegt, weil wir einen Pflegebedürftigkeitsbegriff haben, der allein auf
die rein körperlichen Defizite der Menschen abstellt und die sonstigen Bedürfnisse
nahezu vollständig ausblendet.
So sind wir mit Ihnen der
Meinung, dass der Abbau von 50.000
Pflegestellen in den Krankenhäusern und die strukturell angelegten Personaldefizite in den Pflegeeinrichtungen skandalös
sind und in aller Deutlichkeit öffentlich
gemacht gehören.
In
der Gesundheitsversorgung können mangels fehlender Pflegekräfte gefährliche
Pflegesituationen kaum noch vermieden werden!
Die fehlenden Stellen für
Pflegekräfte gefährden aber nicht nur Patienten und pflegebedürftige
Menschen, sondern führen zunehmend zu unerträglichen Arbeitsverdichtungen für die jetzigen
StelleninhaberInnen und ruinieren deren
Gesundheit.
Jeder
fünfte Pflegende denkt folglich ans Aufhören
– Dies ergibt sich aus einer Forsa-Umfrage
vom 19.3.2007.
Wenn
aber die Deutschen ans Alter denken, wollen sie einmal von motivierten und
engagierten Pflegekräften versorgt zu werden.
Der
wichtigste Faktor in der Pflege sind damit die Pflegenden, denn Menschen können
nur von Menschen gepflegt werden. Wir brauchen daher keinen Stellenabbau,
sondern eine Beschäftigungsoffensive in allen Bereichen der Pflege!
Dabei müssen wir uns klar
machen:
Die
demografische Entwicklung in
Deutschland wird die altersmäßige
Zusammensetzung der Gesellschaft grundlegend verändern:
Nach
seriösen Schätzungen wird die Zahl der
pflegebedürftigen Menschen von heute über 2 Mio bis zum Jahr 2050 auf weit über
5 Mio ansteigen. Dabei werden die dementiell erkrankten Menschen stark
vertreten sein.
Zugleich
werden künftig immer weniger Menschen
ihre Angehörigen zu Hause pflegen.
Kinderlosigkeit und Single-Dasein führen dazu, dass in Zukunft auf jeden
Pflegebedürftigen immer weniger Angehörige
kommen werden.
Politik
und Betroffene müssen sich deshalb darauf einstellen, dass die Pflege
wesentlich stärker als bisher durch professionelle
Pflegekräfte erfolgen wird. Der Pflegemarkt
der Zukunft wird deshalb boomen.
Unser Pflegesystem
hat aber erhebliche strukturelle Mängel, die bereits aktuell zahlreiche
pflegebedürftige Menschen bzw. ihre Angehörige in personelle
und finanzielle Not bringen.
Die steigende Zahl der
pflegebedürftigen Menschen und die insoweit erforderlichen Finanzmittel
erfordern daher eine Reform des
bundesdeutschen Pflegesystems an „Haupt und Gliedern“.
Sollten
sich die politisch Verantwortlichen weiter an einer umfassenden Pflegereform
vorbeidrücken, werden wir in eine Pflegekatastrophe hineinschliddern –
pflegemäßig und finanziell!
Ungeachtet dessen:
Pflegekräfte müssen immer mit der in der Pflege erforderlichen Sorgfalt tätig werden. Werden sie daran gehindert, müssen
sie u.a. aus Rechtsgründen ihren Arbeitgeber
auf untragbare Arbeitsbedingungen und Pflegemängel aufmerksam machen.
-Insoweit gibt es auch eine Selbstverantwortung
der Pflegekräfte! – Darauf muss
ausdrücklich aufmerksam gemacht werden!
Wir fordern aber, dass es
Pflegekräften ermöglicht werden muss, ihrem jeweiligen Arbeitgeber
gegenüber in aller Offenheit und Deutlichkeit Unzulänglichkeit
in der Organisation, der Personalausstattung und der sonstigen
Patientenversorgung mitteilen können, ohne
insoweit irgendwelchen Sanktionen wie
Rüge, Mobbing, Abmahnung oder gar Kündigung ausgesetzt zu werden. Wir haben
daher bei der Bundesregierung eine Gesetzesinitiative
angeregt dergestalt, dass alle Beschäftigten sich mit Anregungen, Bitten
und Beschwerden zu Wort melden können – ohne insoweit Nachteile erfahren zu müssen.
Das würde eine ähnliche Regelung in § 17 Arbeitsschutzgesetz komplettieren.
Auf keinen Fall halten wir
anonyme Anzeigen für generell
empfehlenswert!
Wir fordern – mit Ihnen
– für den Krankenhausbereich eine schnellstmögliche
deutliche Aufstockung der Personalstellen für Pflegekräfte. Dazu wird es
erforderlich sein, die Krankenhausbudgetierung
aufzugeben. Die Verantwortlichen müssen im Übrigen sicherstellen, dass der
Pflegeanteil innerhalb des Budgets nicht
beliebig als Spardose genutzt werden darf.
Wir brauchen auch eine
Pflegereform, die diesen Namen verdient. Im Mittepunkt einer solchen Reform
muss die Erneuerung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs
stehen. Im Übrigen muss es klare Antworten
hinsichtlich der zukünftigen Mittelaufbringung geben.
Wir treten daher dafür
ein, dass die „Charta der Rechte hilfe-
und pflegebedürftiger Menschen“ in allen Gesundheitseinrichtungen
uneingeschränkt Anerkennung findet!
Die Hauptpersonen
all unserer Bemühungen sind die Patienten
und pflegebedürftigen Menschen. Ihnen muss ohne „Wenn und Aber“ eine menschenwürdige Versorgung gewährleistet werden. Dies ist eine gesamtgesellschaftliche
Aufgabe, insoweit haben wir alle
Verantwortung.
Wir meinen, dass die „Pflege“
deutlicher und auch lauter ihre Vorstellungen über die notwendigen Veränderungen
im Pflegesystem äußern muss. Der Pflege-SHV,
der sich ausdrücklich als unabhängige Initiative
für menschenwürdige Pflege versteht, wird Sie dabei kraftvoll unterstützen!
Aus aktuellem
Anlass füge ich noch an: Die Rheinische Post berichtet heute (17.5.2008) über
ein Interview mit dem Präsidenten der Bundesärztekammer. Dabei wird u.a. mehr Medizin, gemeint sind
Medikamente, für Alzheimerkranke
gefordert. Es wird sogar von einer Sonderabgabe
gesprochen.
Ohne auf diese schulmedizinischen Argumente konkret anzugehen, sehe ich auch die
Pflege gefordert, ihre Vorstellungen
zur zukünftigen Versorgung der dementiell erkrankten Menschen einzubringen.
Dabei sollte nach unserem Verständnis auf die dringend gebotene Verstärkung
der personalen Zuwendung aufmerksam gemacht werden. Dabei kommt der professionellen
Pflege zweifelsfrei eine Schlüsselrolle
zu!
Werner
Schell