„Wir in Erfttal"

Die Neuss-Grevenbroicher Zeitung berichtete am 16. November 2001 in der Rubrik „Wir in Erfttal" über Aktivitäten in Neuss – Erfttal. Die Berichte werden nachfolgend unkommentiert vorgestellt:

"Zukunftswerkstatt" - Erfttal im Aufbruch

Ein freundlicheres Gesicht soll Erfttal nach dem Wunsch der "Zukunftswerkstatt" bekommen. Im Mai setzten sich Vertreter von Vereinen, Institutionen, Kirchen, aber auch einzelne Bürger in der "Zukunftswerkstatt" zusammen. Sie berieten Projekte, mit denen sich die Lebensqualität in Erfttal nachhaltig verbessern soll.
Elf Projekte sind insgesamt geplant, und mit folgenden vier Projekten soll es losgehen:
- Schulwerkstatt Blitz
Durch handwerkliche Erfahrungen sollen Kinder und Jugendliche mit schulischen Problemen in der geplanten Schulwerkstatt zurück zu sinnvollem Lernen finden. Die eigenen Fähigkeiten kennen und konstruktiv nutzen lernen, ist das Ziel, das die durch soziale Probleme oder Lernschwierigkeiten benachteiligten Jugendlichen dort erreichen können.
- Belegungsmanagement
Ein runder Tisch für Vermieter, Hausverwaltungen und Mieter soll durch die Stadt Neuss auf den Weg gebracht und moderiert werden. Durch gezielte Belegungsplanung soll die Konzentration von Problemgruppen verhindert werden.
- Integration
Schon seit Sommer gibt es verstärkte Sprachförderung für Zuwanderer. Gegenseitige Akzeptanz und Toleranz soll durch offene "Nationale Abende" gefördert werden, an denen die verschiedenen Nationalitäten Gelegenheit erhalten, die eigene Kultur vorzustellen.
- Streetworker
"Aufsuchende Sozialarbeit" ist der deutsche Fachbegriff für die Betreuung junger Menschen auf der Straße durch Sozialarbeiter. Unterschiedliche Zielgruppen sollen durch die Fachkräfte angesprochen werden. Damit Prävention oder frühzeitige Konfliktlösung gelingt, hält die Zukunftswerkstatt zwei Streetworker für notwendig. 

"Mittagstisch für Kinder ohne Schlüssel" - Eine Insel für unbetreute, hungrige Kinder

Manchmal stehen schon vormittags Kinder vor der Tür, lungern rum und warten darauf, dass die Türen des Kinder- und Jugendzentrums sich endlich öffnen. So wie der Fünfjährige, den die Mitarbeiter von "Kontakt Erfttal" neulich schon um elf Uhr bemerkten.
Eigentlich hätte er gemeinsam mit Gleichaltrigen im Kindergarten sein sollen. Warum er stattdessen alleine auf der Straße stand, frierend und ziemlich hungrig, das können Klaus Winkels, Leiter des Kinder- und Jugendzentrums und Sozialpädagoge Oliver Esser leicht erklären. Fast immer ist es die gleiche Geschichte: "Kindergarten- und Hortbeiträge zahlt das Sozialamt für Sozialhilfeempfänger direkt an die Einrichtungen. Das Essensgeld aber bekommen die Eltern und geben es oft nicht an den Kindergarten weiter. Irgendwann lassen sie ihre Kinder dann gar nicht mehr dorthin," erklärt Winkels. Dann stehen die Kinder auf der Straße, denn zu Hause wird der quirlige Nachwuchs oft morgens schon vor die Tür gesetzt.
Mit fünf Mark in der Tasche sollen sie halt selber schauen, wo sie bleiben. Das Geld verwandeln die Kinder am nächsten Büdchen in eine "gemischte Tüte" - das reicht, um den Zähnen zuzusetzen, aber nicht zum satt werden. Seit August letzten Jahres bietet das Erfttaler Kinder- und Jugendzentrum ein "Asyl für tagesobdachlose Kinder", offen für alle, die tagsüber nicht in die elterliche Wohnung kommen. Wie es kommt, dass schon Fünfjährige mutterseelenallein den Tag auf der Straße verbringen? "Manche Eltern sind tagsüber bei der Arbeit," erklärt Oliver Esser, "manche haben massive Alkoholprobleme, schlafen ihren Rausch aus und wollen von den Kindern nicht gestört werden."-"Tagesobdachlos ist ein Wort, das wir vermeiden wollen," erläutert Winkels, "denn manche Eltern lassen ihre Kinder aus Scham nicht hierher."
Weitaus harmloser klingt da schon "Mittagstisch für Kinder ohne Schlüssel", auch wenn es dasselbe meint. Ab 14 Uhr öffnet das Zentrum und bietet Kindern vom Vorschulalter bis zur beginnenden Pubertät Essen und Unterkunft bis zum Abend. Einmal in der Woche gibt es Suppe aus dem Marianum, ansonsten bringt die Neusser Tafel Lebensmitteln. Kochen, Tisch decken und spülen müssen die Kinder selbst. "Gerade beim Kochen und Essen gibt es sehr viele soziale Regeln zu lernen," erzählt Esser, und: "Einfache Regeln des Miteinanders, dass man dem anderen zuhört, oder sich zum Essen gemeinsam hinsetzt - viele Kinder lernen zu Hause nichts davon."
Zehn bis zwölf Kinder kommen täglich, die Fluktuation ist recht hoch, denn grundsätzlich versuchen Winkels, Esser und die anderen Mitarbeiter des Kinderzentrums, den Kindern die Rückkehr in Kindergarten oder Hort zu ermöglichen. Ein schöner Erfolg ist es für sie, wenn sie ein Kind wieder in die regelmäßige Betreuung gebracht haben. "Weil die Kinder hier schon mit acht Jahren einkaufen und kochen lernen, gelingt es manchen, sich zusammenzuschließen" erzählt Winkels, "mit drei vier Kindern gehen sie dann in eine Wohnung, die ihnen zugänglich ist und kochen gemeinsam."
Eine Sysiphos-Arbeit bleibt es dennoch, denn an neuen kleinen "Kunden", die hungrig vor der Tür stehen, fehlt es nie. "Die Unterversorgung der Kinder ist ein großes Problem" weiß Winkels, und: "Unbetreute, unversorgte Kinder gibt es überall, nur hier im sozialen Brennpunkt Erfttal gibt es mehr davon." Eine Gesetzeslage, die zornig macht, weil sie im Zweifelsfall eher die Eltern als die Kinder schützt, ist die geltende Sozialgesetzgebung für Esser: "Würde auch das Essensgeld vom Sozialamt direkt an den Kindergarten gezahlt, wäre die Versorgung der Kinder besser," gibt er zu bedenken. Auch das aber würde nicht alle Notlagen auffangen, denn, "manche Eltern melden ihre Kinder gar nicht erst im Kindergarten an," ergänzt Klaus Winkels. Sonntags bleibt es für die betroffenen Kinder übrigens bei der "gemischten Tüte": "Um sonntags zu öffnen, fehlt uns Personal," erklärt Winkels resigniert.
Dagmar Kann-Coomann 

Arbeitsgruppe "Sicherheit und Ordnung" - Versammlung engagierter Bürger

Gute Resonanz bei der Tagung der Arbeitsgruppe "Sicherheit und Ordnung" am Donnerstagabend im Bürgerzentrum. Eingeladen hatte Werner Schell, gekommen waren Bürger und Bürgerinnen aus Erfttal, sowie Vertreter von Verwaltung und Polizei.
Zweieinhalb Stunden wurde kräftig und kontrovers diskutiert, kein Blatt vor den Mund genommen, es wurden konkrete Vorhaben angefasst. Der engagierte Erfttaler Werner Schell hatte einige Vorschläge zu verschiedenen Projekten, die demnächst in dem etwa 6000 Einwohner zählenden Neusser Stadtteil zu Papier gebracht, die von den Anwesenden schließlich auch nach teilweise geringfügigen Änderungen gut geheißen wurden. Schell hatte in seinen Ausführungen erklärt, dass man dem Rat konkrete Wünsche vorlegen wolle, die der dann nach Möglichkeit beschließen und an die Verwaltung weitergeben solle.
"Leider müssen wir Bürger hier in Erfttal feststellen, dass Dinge oft nicht so laufen, wie es an anderer Stelle vermutet wird", erklärte Schell, der den Stadtteilerneuerungsprozess in Erfttal gerne forcieren möchte. Erstes Thema der Sitzung war die Sicherheit. Die Ordnungspartnerschaft mit der Stadt, "von der manche glauben, dass sie bereits besteht, muss besser funktionieren", so Schell. Die gewünschte verstärkte Polizeipräsenz wird nicht leicht zu verwirklichen sein, wie Erfttals Bezirksbeamter Hans-Joachim Kallenberg erklärte.
Verbesserte Aufsichtsmaßnahmen durch Angestellte des Ordnungsamtes könnten helfen, müssen aber verwirklicht werden. Auch der Einsatz von Streetworkern kann helfen. Zu Lärmschutz entlang der L 142 gab's noch keine Auswertungsergebnisse, dafür dürfte die Ampelkreuzung zwischen Erfttal-West und -Ost demnächst modernisiert werden. Ein Kreisverkehr, so Verkehrsplaner Ferdinand Birke sei für Fußgänger unsicher.
Ralf Angenendt 

Quelle: Neuss-Grevenbroicher Zeitung vom 17.11.2001

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