Viele Erfttaler feierten ihr Stadtteilfest zum "30-Jährigen"
Startschuss für eine bessere Zukunft
"Der 30. Geburtstag Erfttals ist schon ein guter Grund, mit den Menschen
vor Ort zu feiern. Zum einen ist es ein Jubiläumsfest, aber in der Hauptsache
ist es der Startschuss für einen gesamten Erneuerungsprozess des Ortes",
sagte Paul Petersen, Leiter des Bürgerzentrums an der Bedburger Straße. Und so
wurde am Samstag das 30-jährige Bestehen des jungen Neusser Stadtteils bei
strahlend blauem Himmel und hochsommerlichen Temperaturen gebührend gefeiert.
Um 12 Uhr eröffnete Bürgermeister Herbert Napp das Fest, das ein
umfangreiches Programm für Jung und Alt bot: Es gab einen Trödelmarkt rund ums
Bürgerzentrum, Straßenmusik, ein Preisausschreiben für eine Tombola,
internationale Speisen, Getränke, eine Cafeteria, ein Sportprogramm, eine
Hüpfburg, Kistenklettern und vieles mehr. Auf der Bühne wurde ebenfalls ein
abwechslungsreiches Programm dargeboten, vom Lokalradio NE-WS 89.4 live mit
Musikbeiträgen Erfttaler Jugendlicher, zum Beispiel ein Auftritt der
Kontakt-Erfttal-Band "Die kleine Günter", bis hin zum Konzert von
Sven West und seiner Band.
Dreißig Jahre Erfttal - Anlass für ein schönes Fest, aber auch Anlass,
über Vergangenes und Zukünftiges einmal nachzudenken. Die Probleme des
Stadtteils, zum Beispiel verbesserungsfähige soziale und kulturelle
Integration, häufiger Wechsel in der Bevölkerung, Arbeitslosigkeit und
Defizite im Wohnumfeld, trugen zu einem eher schlechten Ruf in der
Öffentlichkeit bei. Die positiven Seiten und Stärken des Ortes, wie
vielfältiges Vereinsleben, Bürgerengagement und bestehende Einrichtungen,
werden oft von den negativen Dingen überdeckt.
Nun ist der Auftakt für einen umfassenden Stadtteilerneuerungsprozess
gegeben, und viele Erfttaler haben sich schon in elf Arbeitsgruppen
zusammengetan, um sich für verschiedene Interessen und Bedürfnisse
einzusetzen. So gibt es zum Beispiel die Arbeitskreise "Qualifizierung und
Beschäftigung für Frauen", "Dienstleistungszentrum Erfttal" und
"Schulwerkstatt". Präsentiert werden die Projekte auch in der
"Zukunftswerkstatt" am kommenden Wochenende. "Dort werden Ideen
für die Zukunft geschmiedet, und alle Bewohner sind herzlich eingeladen, ihre
Ideen, Wünsche und Vorstellungen mit einzubringen, um konkrete Projekte zu
entwerfen. Die Zukunftswerkstatt ist keineswegs ein Schlusspunkt, sondern der
Beginn einer permanenten Werkstatt, die Projekte zunächst kurzfristig, dann
mittel- und langfristig auf den Weg bringen soll", erklärt Petersen.
Die Erfttaler sind zum Teil aber recht unzufrieden mit ihrem Stadtteil und
skeptisch, was die bessere Zukunft angeht. "Ich wohne schon seit 30 Jahren
hier und fühle mich nicht mehr wohl. Ich finde, Erfttal ist über viele Jahre
von Stadt und Politik vernachlässigt und immer als Abstellplatz benutzt
worden", meint Gaby Rembges (39). Sie engagiert sich in einer
Eigentümergemeinschaft für ein besseres Wohnumfeld, will auch einer
Arbeitsgruppe beitreten, glaubt aber noch nicht an den Erfolg: "Man kann
zwar nur begrüßen, dass mal etwas passiert, aber ich hoffe, dass die Stadt ihr
Versprechen auch hält und nicht nur Brimborium macht". Beklagt wird auch
der schlechte Zustand der Parkanlagen und Spielplätze: "Oft liegen
Wodkaflaschen und Glasscherben rum. Man kann seine Kinder gar nicht mehr ohne
weiteres auf den Spielplatz lassen", meint Thomas Buch.
Die Meinungen der Bewohner über Erfttal gehen weit auseinander. Einige haben
Angst, nachts durch den Ort zu gehen, vor allem Eltern haben Sorge um ihre
Kinder, andere wiederum können das gar nicht nachvollziehen. Anja Lintzen-Kosa
(33) wohnt gerne in Erfttal. "Ich hatte noch nie Angst hier. Aber für
viele ist das Fest vielleicht das, was gefehlt hat, hier sind ja alle zusammen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass das die Nationen zusammenbringt." Paul
Petersen blickt trotz aller Probleme optimistisch in die Zukunft. "Wir
haben innerhalb eines halben Jahres elf AG auf die Beine gestellt, das stimmt
mich positiv. Wille und Potenzial sind vorhanden, die Schwierigkeiten liegen im
Miteinander, und wir wollen diese überwinden."
Melanie Könen
Quelle: Neuss-Grevenbroicher Zeitung (NGZ) vom 14.5.2001 (Lokalteil Neuss) Viele Erfttaler feierten ihr Stadtteilfest zum "30-Jährigen"