Die Erfttaler „Zukunftswerkstatt„ war schlicht ein Flop

Die erschienenen Presseberichte lassen die Veranstaltung in einem falschen Licht erscheinen, weil die offiziellen (städtischen) Verlautbarungen zum Thema auf „schön reden„ abgestellt waren

Am Wochenende vom 19. bis 20. Mai 2001 wurde in Erfttal eine so genannte „Zukunftswerkstatt„, moderiert von Vertretern der Firma OPUS, abgehalten, in der die Bürgerinnen und Bürger von Erfttal vorstellen sollten, was sie als Erfttaler Probleme ausgemacht haben und wie sie sich eine Veränderung vorstellen. Konkret sollten Forderungen und Wünsche an die Stadt Neuss formuliert werden. Einige Akteure bzw. Arbeitsgruppen hatten sich zusammengefunden, um die Wochenendveranstaltung mit erheblichem Zeitaufwand thematisch vorzubereiten. Es gab zum Teil bis ins Einzelne ausformulierte Analysen und Forderungskataloge. Kein Gedanke solle, so hieß es im Vorfeld, verloren gehen und alles werde gleichrangig in das zu schnürende Paket für Erfttal Eingang finden. Was hat sich aber nun wirklich abgespielt?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der „Zukunftswerkstatt„ hatten von den einzelnen Regeln, nach denen die Veranstaltung durchgeführt werden sollte, keine Ahnung. Meine diesbezüglichen Fragen waren im Vorfeld abgetan worden mit Bemerkungen wie:„Warten Sie doch ab„. Der (leitende) Vertreter der Firma OPUS, den ich vor Beginn der Veranstaltung um die Erlaubnis für die Vorstellung eines kurzen Wortbeitrages bat, erklärte: „Wir bestimmen hier die Spielregeln und niemand anders„. Über die Einzelheiten des „Spielablaufes„ wurden wir auch jetzt noch im Unklaren gelassen; es hieß nur allgemein, wir tagen in Arbeitsgruppen und dann im Plenum.

Der erste Tag der „Zukunftswerkstatt„ verlief dann so, dass die allgemeinen Vorstellungen und „kleinen Spielchen„ (ähnlich einer Spielshow bei RTL), die mit unserem Thema nichts zu tun hatten, die Zeit bis kurz vor dem Ende des ersten Werkstatttages in Anspruch nahmen. Als dann endlich über Erfttal geredet werden sollte, kam es in den gebildeten Arbeitsgruppen erneut zu Erörterungen über das richtige Vorgehen. In meiner Arbeitsgruppe „Zusammenleben, Integration, Sicherheit und Ordnung„ wurde am ersten Tag überhaupt nicht zur Sache diskutiert. Unsere Moderatorin musste sich sogar zweimal Rat einholen, weil sie zwischendurch auch nicht mehr wusste, wie wir verfahren sollten. Sie konnte und wollte zunächst nicht akzeptieren, dass wir schon in Arbeitsgruppen vieles diskutiert und bereits schriftlich formuliert vortragen konnten. Würde man den ersten Tag der Werkstatt zusammenfassen, käme man um folgende Beurteilung nicht umhin: Außer Spesen nichts gewesen und großer Frust unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Einige blieben dann auch gleich am zweiten Tage Zuhause.

Am zweiten Werkstatttag sollte es dann richtig losgehen. Aber es wurde uns nun in den Arbeitsgruppen aufgegeben, nach einem vorgegebenen Muster unsere Projekte in Kürze vorzustellen. Dazu hatten wir nur eine knappe Zeit zu Verfügung, so dass in meiner Arbeitsgruppe eigentlich nur drei Projekte anhand des Musters aufbereitet werden konnten. Zahlreiche andere Projekte konnten wir nicht angehen, weil es an der Zeit mangelte. Dann hieß es dazu, „Sie dürfen die wichtigen verbliebenen Projekte in einer Liste ´Sonstige Forderungen` zusammenstellen„. Mit den gefertigten „Plakaten„ ging es dann ins Plenum, sie wurden dort ausgehangen und sollten von einem Vertreter der Arbeitsgruppe kurz, etwa in 3 Minuten, vorgestellt werden. Beim Leiter des Teams der Moderatoren erkundigte ich mich nach meiner Vorstellungszeit mit dem Hinweis, es seien ja bei uns zahlreiche Projekte skizziert worden, eigentlich müsse ich auch eine entsprechende Vorstellungszeit (3 Minuten x Projekte) haben. Darauf die Antwort: „Nein, Sie haben nur insgesamt 3 Minuten„. Daran habe ich mich auch gehalten, entsprechend kurz mussten natürlich meine Hinweise ausfallen, folgerichtig weniger einprägsam für die Zuhörerinnen und Zuhörer. Was dann folgte, stellte die Vorgabe „3 Minuten-Redezeit„ völlig auf den Kopf. Die Vorstellungen nach mir wurden länger und länger, niemand griff ein (Spielregeln?). Nach dieser unterschiedlichen Vorstellungsrevue durften den einzelnen Projekten Punkte zugeordnet werden. Nach Vorlage des Ergebnisses hieß es dann, die Projekte würden anhand dieser Prioritätenlisten dem Stadtrat präsentiert. Es stellte sich dabei heraus, dass die Projekte, die sich den Kindern und Jugendlichen zuwenden, von allen für besonders wichtig erachtet werden. Dies begrüße auch ich sehr, hatte ich doch bereits zu Beginn der Werkstatt dazu gemahnt, die Kinder- und Jugendlichenproblematik mit in den Vordergrund der Betrachtungen zu stellen. Dass ich mich seit geraumer Zeit nachhaltig für die Einsetzung von Streetworkern und für den Ausbau der Jugendarbeit im „Kontakt Erfttal„ einsetze, ist durch Schriftwechsel mit der Stadt Neuss und durch Leserzuschriften in dieser Zeitung belegt.

Es liegt aber gleichwohl im Bürgerinteresse, alle von uns erarbeiteten Forderungen und Wünsche kurzfristig aufzugreifen und nicht „nach Liste„ abzuarbeiten. Eine Rangfolge nach Prioritätenliste macht im Übrigen auch keinen Sinn, weil Prioritäten nach sachlichen Erwägungen und nicht per Punktung nach voraufgegangenem unklaren Spielablauf festgelegt werden können. So ist zum Beispiel das Thema „Lärmschutz L 142„ auf Grund der bereits geschilderten Ungereimtheiten im Ablauf der Veranstaltung nur unter „Sonstige Forderungen„ gelandet und soll damit keine Priorität haben. Die Forderung nach einer personellen Verstärkung von „Kontakt Erfttal„ ist in der Werkstatt überhaupt nicht weiter verfolgt worden. Dies ist völlig unverständlich, weil insoweit ein Zusammenhang mit der Streetworkertätigkeit besteht und die Räumlichkeiten von „Kontakt Erfttal„ zu günstigsten Zeiten wegen personeller Unterbesetzung nicht genutzt werden können. Das können und wollen wir so nicht akzeptieren. Wir haben in Erfttal eine Gemengelage an Problemen und erwarten, dass diese auch jetzt und nicht erst irgendwann aufgegriffen werden.

Aber nun noch einmal poentiert meine Kritik an der „Zukunftswerkstatt„:

  1. Die „Zukunftswerkstatt„ war eigentlich völlig überflüssig, weil die wesentlichen Ergebnisse (= Projektforderungen) bereits seit Mitte 1997 in einem umfangreichen Schriftwechsel der Stadtverwaltung mitgeteilt, in Bürgerversammlungen (unter Anwesenheit von städtischen Vertretern) präzisiert und schließlich in den letzten Monaten in Arbeitsgruppen der Trägerkonferenz Erfttal nochmals zusammengetragen worden sind. Die verschiedenen Themenkreise hätten in diesen Arbeitsgruppen in kurzer Zeit mit den Bürgerinnen und Bürger vertiefend diskutiert und dann der Verwaltung und Politik präsentiert werden können. Diese Präsentation wäre kostenlos gewesen.
  2. Die jetzt eingeschaltete Firma OPUS wurde für eine hohe Summe (genannt wurden 85.000 DM) vertraglich verpflichtet, die „Zukunftswerkstatt„ zu moderieren. Nach meinem Eindruck waren die Moderatoren zu Beginn der Veranstaltung mit den Erfttaler Verhältnissen nicht vertraut. Mein Eindruck: Abgesehen von einigen „Spielchen„ zur Auflockerung waren die Moderatoren wenig kompetent für unsere Problemlage. Verschiedene Etappen im Ablauf der „Zukunftswerkstatt„ müssen auch als methodisch äußerst zweifelhaft eingestuft werden.
  3. Das jetzt fällige Bürgervotum für den Rat schreibt nicht die Firma OPUS, sondern wird von der Verwaltung konzipiert und darf von den Akteuren vor Ort redaktionell durchgesehen werden. Ich bin gespannt darauf, in welchem Umfange die Bürgerinnen und Bürger nun in einer Redaktionsarbeit Gelegenheit bekommen, ihre Eindrücke mit zu formulieren. Ich befürchte, dass sich hier neuer Ärger anbahnt!
  4. Die Dotierung der Firma OPUS wurde bei meinen Rückfragen damit begründet, sie mache ja nicht nur die Moderation, sondern auch die Vor- und Nachbereitung. Sie müsse auch den Bericht über die „Zukunftswerkstatt„ verfassen. Wenn ich nun feststelle, dass die Firma OPUS ahnungslose Moderatoren geschickt hat, die Moderation nach vorher nicht im Einzelnen bekannt gegebenen Spielregeln hat abrollen lassen und noch nicht einmal einen Bericht verfasst, ist die Vergütung völlig ungerechtfertigt. Die Verantwortlichen der Stadt Neuss müssen sich fragen lassen, wie sie das alles rechtfertigen wollen! Mit 85.000 DM hätten wir in Erfttal eine Menge bewegen können, auf die Moderation von OPUS hätten wir herzlich gerne verzichtet.
  5. Meine am 21.5.2001 geäußerte Kritik an der „Zukunftswerkstatt„ wurde von den städtischen Vertretern lapidar und scheinbar überzeugend zurückgewiesen mit dem Bemerken, es sei alles nach demokratischen Regeln zugegangen. Dazu lässt sich schlicht feststellen, dass von demokratischen Regeln nun wirklich nicht gesprochen werden kann. Jedes Parlament/Gremium kennt im Vorhinein genau seine Regeln, nach denen es zusammentritt, agiert und beschließt. Wir hatten in der „Zukunftswerkstatt„ nichts dergleichen. Also, die Bezugnahme auf die Demokratie geht an der Sachlage vorbei.
  6. Ein weiterer Gesichtspunkt kommt hinzu: Von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der „Zukunftswerkstatt„ (über die Gesamtzahl darf man streiten!), waren allenfalls 1/3 Erfttaler, also Menschen, die tagtäglich hier vor Ort die Gemengelage an Problemen erleben. Mit welchem demokratischen Recht durften eigentlich über die Bewertung von Projekten solche Teilnehmerinnen und Teilnehmer abstimmen, die überhaupt nicht hier wohnen??? Die Nicht-Erfttaler hatten in der „Zukunftswerkstatt„ die Zwei-Drittel-Mehrheit. Wenn ich auch die hilfreiche Unterstützung durch Nicht-Erfttaler bei der Lösung unserer Probleme sehr begrüße, müssen wir doch selbst benennen dürfen, wo uns der Schuh am meisten drückt.
  7. Ich erwarte nun schlicht und einfach, dass Verwaltung und Rat die überflüssigen Prioritätenerwägungen über Bord gehen lassen und alle von uns angesprochenen Themen jetzt angehen, allenfalls staffeln nach sachlichen Geboten bzw. finanziellen Machbarkeiten, aber nicht nach einer dubiosen, demokratisch nicht legitimierten Liste! Hierzu das Motto: „Mit zwei kleinen Schritten kommt man nicht über einen Abgrund„.
  8. Ich moniere auch, dass ich persönlich nicht die Möglichkeit hatte, mich in der „Zukunftswerkstatt„ zu anderen Projekten außerhalb meiner Arbeitsgruppe zu äußern. Diese Möglichkeit eingeräumt zu bekommen, hatte ich bereits vor Monaten erbeten, realisiert wurde sie nicht. So sind möglicherweise einige wichtige Anregungen und Diskussionsbeiträge nicht in die Arbeit der Werkstatt eingeflossen!

Abschlussbemerkung an dieser Stelle:
Ich habe im Übrigen mehrfach versucht, eine Fortsetzung der streitigen Diskussion über die „Zukunftswerkstatt„ zu vermeiden. Ich wollte die verbindliche Aussage der Stadt Neuss, dass sie ihre Vorstellungen bezüglich der Prioritätenliste aufgibt. Dann hätte wir uns mit dem weiteren Ablauf zufrieden geben können. Leider ist aber keine zustimmende Erklärung im Sinne meiner Anfrage übermittelt worden. Die Stadtverwaltung ist weiter irrig der Meinung, die „Zukunftswerkstatt„ sei unter den gegebenen Umständen einigermaßen gelungen. Sie verkennt damit, dass die Veranstaltung vom Anfang bis zum Ende ein einziger Flop war. Die Stadtverwaltung verweigert mir auch die Herausgabe von Kopien der Anwesenheitslisten der „Zukunftswerkstatt„. Damit könnte überprüft werden, wieviele Erfttaler tatsächlich beteiligt waren.

Neuss-Erfftal, den 30. Mai 2001
Werner Schell

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