Zukunftswerkstatt erarbeitete Lösungsansätze für Erfttaler Probleme /
Prioritätenliste umfasst insgesamt 13 Projekte
Was brennt den Erfttalern auf den Nägeln? Wo drückt der Schuh? Was gefällt ihnen überhaupt nicht? Was wollen sie ändern? Diesen Fragen ging man am vergangenen Wochenende in der Zukunftswerkstatt im Bürgerzentrum nach. Rund 100 Bürgerinnen und Bürger sowie Experten aus der Verwaltung und Vertreter von Politik, Wohnungswirtschaft, Kirchen, Einrichtungen und Initiativen diskutierten ausführlich die Probleme ihres Stadtteils und erarbeiteten Lösungsansätze. Das Ergebnis: Ein 13 Punkte umfassendes Papier, das nun dem Stadtrat vorgelegt werden soll.
Ganz oben auf der Prioritätenliste mit insgesamt 13 Projekten landete die Forderung nach der Betreuung junger Menschen auf der Straße inklusive dem Einsatz von Streetworkern in Erfttal. „Das ist der Bereich, der den Erfttaler Bürgern mit die größten Kopfschmerzen bereitet", macht der Erste Beigeordnete Peter Söhngen deutlich. Er lobte das große Interesse an der Zukunftswerkstatt, „immerhin haben sich die Teilnehmer das ganze Wochenende um die Ohren gehauen". Das habe sich aber gelohnt, schließlich ging es für sie darum, „unsere Zukunft, unseren Stadtteil, unsere Heimat so umzugestalten, um eine Atmosphäre für ein friedliches und vernünftiges Miteinander zu schaffen", so Söhngen.
Auch 40 Kinder waren mit dabei
Parallel zur Zukunftswerkstatt diskutierten rund 40 Mädchen und Jungen im
Kinderplenum, auch sie fanden in der Zukunftswerkstatt Gehör. Außerdem floss
die in den Vormonaten geleistete Vorarbeit in einzelnen Arbeitskreisen mit in
die Diskussion ein, wobei allerdings Teilnehmer monierten, dass viele Punkte
beim Erstellen der Prioritätenliste unter den Tisch gefallen wären, wie
beispielsweise der Lärmschutz an der L 142. „Warum gibt es überhaupt eine
Prioritätenliste, warum werden nicht alle Projekte gleichberechtigt
behandelt?", lautete ein weiterer Kritikpunkt.
Kontroverse Diskussionen
Letztendlich habe man bei der Erstellung der Prioritätenliste eine
demokratische Mehrheitsentscheidung getroffen, alle Interessen ließen sich nun
mal nicht so einfach unter einen Hut bringen, antwortete Söhngen auf die
Kritik. Bei ihm habe sich die Skepsis, die anfänglich vorherrschte, am Ende des
Wochenendes gewandelt. Am Ende habe man es geschafft, der Zukunftswerkstatt eine
positive Richtung zu geben.
Weitere Kernpunkte des „Paketes Erfttal", das man am Wochenende
schnürte, betreffen neben „Jugend in Erfttal" vor allem die
Themenbereiche „Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen", „Wohnqualität"
und die „Arbeits- und Beschäftigungssituation". So wurde vermehrt der
Wunsch nach Sprachkursen unter dem Stichwort „Ich lerne Deutsch"
geäußert, Aussiedler und Ausländer würden gemischte Sprachkurse bevorzugen.
„Vieles scheitert, weil die Menschen sich untereinander nicht verständigen
können", betonte der Erste Beigeordnete. Zudem solle die Nachbarschaft
gestärkt werden.
Auch in Erfttal ein Problem: Tagesobdachlose Kinder, um die man sich kümmern
müsse, schulmüden Hauptschülern aus Erfttal will man Perspektiven aufzeigen
und sie in der Schulwerkstatt „Blitz" wieder in den Schulbetrieb
eingliedern, damit der Abschluss geschafft wird. Die Modernisierung und
Sanierung von Wohnungen steht neben der Verbesserung von Kinderspielplätzen in
Erfttal ganz oben auf der Wunschliste. Zudem sollen Wohnungen nicht nur
finanziell Schwachen angeboten werden, sondern auch Besserverdienenden, um eine
gesunde Mischung zu finden. Dieses Verhältnis stimme im Moment so in Erfttal
nicht. Neben Dreck-Weg-Aktionen oder Ordnungspartnerschaften, die es Bürgern
erleichtern sollen, ihre Anliegen der Polizei oder dem Ordnungsamt vorzutragen,
ist eine attraktive und funktionsfähige Ortsmitte für Erfttal ein oft
geäußerter Wunsch. Erftttal brauche eine gescheite Ortsmitte, damit die
Menschen dort miteinander in Kontakt treten können.
Weichenstellung im Stadtrat
Bis zum 8. Juni will man die 13 Projekte umfassende Prioritätenliste in
schriftlicher Form ausarbeiten, um sie am 29. Juni in der nächsten Ratssitzung
vorstellen zu können. Dann entscheiden die Neusser Stadtverordneten über die
Realisierung der Projekte. Allerdings haben Erfttaler Bürger für jedes Projekt
eine Patenschaft übernommen und wachen darüber, dass nichts im Sande
verläuft.
Renate Beier
Der Kommentar
Ein ganzes Wochenende investierten Bürger und Vertreter der verschiedensten
Interessensgruppen, um gemeinsam die Probleme und Schwierigkeiten in ihrem
Stadtteil Erfttal aufzuarbeiten und Lösungsansätze aufzuzeigen. Ein
lobenswertes Engagement. Doch die Arbeit hat sich nur dann gelohnt, wenn das 13
Projekte umfassende „Paket Erfttal" keine idealistische Vision eines
besseren Erfttals bleibt, sondern zumindest Teile davon in naher Zukunft auch in
die Realität umgesetzt werden. Die Bürger und Erfttaler Interessensvertreter
haben, unterstützt von Verwaltungsexperten, die Vorlage geliefert, jetzt ist
die Politik gefragt. Der Stadtrat kann eine Weichenstellung in Richtung positive
Entwicklung vornehmen, oder aber mit dem Hinweis auf leere Kassen die
Initiativen bereits im Keim ersticken. Zum Nulltarif sind Streetworker,
Deutschkurse für Ausländer und Aussiedler oder gar eine neue, attraktive
Ortsmitte nun mal nicht zu haben. CDU-Stadtverordneter und Landtagsabgeordneter
Heinz Sahnen, Erfttaler Bürger und Teilnehmer der Zukunftswerkstatt, hat die
Patenschaft für das „Paket Erfttal" übernommen. Er kann zugleich seine
Fraktionskollegen der Mehrheitspartei von der Wichtigkeit der Maßnahmen
überzeugen sowie auf Landesebene Einfluss nehmen und hier Geld locker machen.
Aber auch die Bürger können Zeichen setzen, dass ihnen an der Zukunft ihres
Stadtteils etwas liegt. Feste zur Stärkung der Nachbarschaft können auch ohne
Politik und Verwaltung organisiert werden.
Renate Beier
Quelle: Bericht Stadt-Kurier vom 23.5.2001