Situation junger Deutschrussen in Erfttal ist deprimierend

Bei Regen ohne Schutz auf der Straße

Von Dagmar Kann-Coomann

"Es regnet fast immer in Deutschland" sagt Roman und seine Freunde stimmen ihm zu. Nachmittags und abends, wenn es sie nicht zu Hause hält, in den engen Wohnungen mit Eltern, Großeltern und Geschwistern, vor der ewig schimmernden Fernsehwelt mit debilen Talkshows und blondgelockten Gummibärchen, dann gehen sie hinaus, treffen Freunde und warten darauf, etwas zu erleben. Auf der Straße stehen sie dann, erzählen, blödeln rum.

Deutschrussen
Roman, Alexander (von rechts) und Waldemar (2. von links) verbringen ihre freie Zeit mit Freunden auf der Straße.

Wo auch sonst, wenn Disco, Kneipe, Funsport oder Kino zu teuer sind, das Jugendheim viel zu klein ist für die zahlreichen Kinder und Jugendlichen in Erfttal. Und während ihre Gleichaltrigen in den gut betuchten Stadtteilen ringsum sich überlegen, ob es wohl schicker ist, ein Jahr in Neuseeland oder den USA zu verbringen, haben Roman und seine Freunde in Erfttal ein Problem, wenn es regnet.

Auch sonst ist es leicht für sie, Probleme zu bekommen: Wo zehn oder fünfzehn von ihnen zusammenstehen, mit ihrer Fröhlichkeit, ihrem Temperament, da fühlen sich Anwohner in dem kleinen Gebiet, in dem 7000 Menschen auf einem Quadratkilometer leben, schnell gestört. "Jeden Tag kommt die Polizei und kontrolliert die Ausweise", erzählt der siebzehnjährige Roman gelassen. Den Spielplatz dürfen sie nicht betreten, weil sie älter als vierzehn sind, an der Bushaltestelle stören sie angeblich den Busbetrieb und wenn sie sich im Regen unter dem Vordach irgendeiner Haustür zusammendrängen, droht eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch.

Wer ein Fahrrad dabei hat, gerät schnell in Verdacht, es gestohlen zu haben und wer zum zweiten Mal an derselben Stelle angetroffen wird von der Polizei, der kann einfach im grünweißen Wagen mitgenommen werden. Es ist gar nicht leicht, kein Problem zu bekommen, als Jugendlicher in Erfttal. "Es gibt so viele Regeln in Deutschland", sagt Konstantin (16): "Wer in Russland ein Mofa hat, der fährt einfach damit. Hier braucht man einen Führerschein und darf es nicht schneller machen, sonst hat man sofort eine Anzeige. Sogar zum Angeln braucht man einen Schein" erzählt er und schüttelt ratlos den Kopf.

Aus Kasachstan kommen die meisten der Jugendlichen, die sich in dem kargen Bauwagen von Streetworker Ritchie zusammengefunden haben, um bereitwillig über sich, ihren Alltag und ihre Wünsche zu erzählen. Ob sie nach Deutschland wollten, danach hat sie nie jemand gefragt. Mit 7, 8 oder 11 Jahren mussten sie sich von ihren Freunden, ihrer Schule, von liebgewonnenen Haustieren und der vertrauten Umgebung verabschieden und neu beginnen in dem Land, das in ihren Familien seit Generationen als ihre Heimat galt, auch wenn es tausende Kilometer entfernt ist von ihren Geburtsorten.

"Als wir ins Flugzeug stiegen, haben meine Geschwister furchtbar geweint", erinnert sich Roman an den Abschied aus Kasachstan. Er natürlich nicht. Das wäre uncool. - Erst vor drei Jahren fand sich der schüchterne Waldemar (14), der in Sibirien Wladimir hieß, in einer deutschen Klasse wieder, in der er kein Wort verstand. Das Gefühl, im falschen Film gelandet zu sein, kennen Roman, Alexander (17), Elena (15) und Konstantin (16) ebenso wie er: "Es gab eine Stunde Sprachunterricht pro Woche", erinnert sich Alexander. Damit hatte er noch Glück, erklären die anderen, die kurzerhand alleine Deutsch lernen mussten, weil sich niemand darum kümmerte, was sie verstehen und was nicht.

Jeden von ihnen hat es ein ganzes Schuljahr gekostet, die meisten auch den Hauptschulabschluss und damit jede Chance auf einen Ausbildungsplatz. Deutsch sprechen und verstehen haben sie schnell gelernt, beim Schreiben in der neuen Schrift mit den zahllosen Regeln tun sie sich schwer, das geben sie zu. Viele Bewerbungen hat Roman schon verschickt, um endlich einen Ausbildungsplatz als KFZ-Mechaniker zu bekommen.

Ein Mal wurde er zum Eignungstest eingeladen: "In Mathe war ich sehr gut, aber bei der Rechtschreibung bin ich durchgefallen", ärgert er sich, "obwohl man als Mechaniker vor allem Mathe braucht." Der stille Alexander büffelt meistens für die Schule, weil er unbedingt das Abitur schaffen will. Konstantin möchte ebenso wie Roman einen Beruf, der mit Autos und Motoren zu tun hat.

Mögen vielleicht manche ihrer Eltern oder Großeltern sich heimlich wünschen, das Leben hätte einen Rückwärtsgang, für die jungen Deutschrussen oder Russlanddeutschen, die selbst nicht so genau wissen, was sie nun sind, und die dort als Deutsche, hier als Russen beschimpft wurden, wäre es schon gut, wenn es wenigstens einen Vorwärtsgang hätte. Vom Fleck käme man dann, könnte das endlose Warten darauf, dass es endlich was zu tun, zu lernen, zu arbeiten und zu erleben gibt, beenden, die Zeit aus dem Leerlauf schalten.

Wenn schon das aufregende Leben einen großen Bogen macht um die triste Fehlplanung aus den siebziger Jahren, die Erfttal heißt, könnte man ihm wenigstens entgegenfahren. In ihren Wünschen an die Politik sind sie sehr bescheiden: "Ein Unterstand auf dem Erfttaler Kirmesplatz, wo es niemanden stört, wenn wir zusammenstehen, wäre gut, dann müssten wir nicht im Regen stehen", sagt Alexander. Schon im letzten Jahr war der geplant. Warum er immer noch nicht da ist, versteht keiner.

"Wir bräuchten nur das Material, bauen können wir ihn schon selber", erklärt Roman energiegeladen. Bauvorschriften und Statikprüfungen, Bewilligung und Kostenfreigabe, das alles dauert eben und dann könnten sich auch die Schützen gestört fühlen, versucht Ritchie zu erklären und kann doch niemanden im Bauwagen so recht überzeugen. Wie soll man denn auch verstehen, warum Politik die jungen Leute mit ihrer Energie, ihren Talenten, ihrer Sehnsucht nach Aufgaben und Leben einfach im Regen stehen lässt?


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