Kriminell und nicht integrierbar? - Russlanddeutsche in der Provinz

Bericht von Report Mainz vom 17. November 2003

Moderation Fritz Frey:

Die Alarmglocken läuten, aber das Problem ist nicht neu. Spätaussiedler, vor allem junge Russlanddeutsche sind schwer in unsere Gesellschaft einzugliedern. Dabei wurde einiges investiert. Über eine Milliarde Euro flossen allein in diesem Jahr in Sprachförderung und andere Integrationsangebote. Und auch in vielen Landkreisen wird mit großem Engagement gearbeitet, um Spätaussiedler einzubinden. Aber mit welchem Ergebnis?
Ulrich Neumann hat einen Landkreis besucht. Nicht irgendeinen, sondern einen ausgezeichneten – für vorbildliche Integration von Aussiedlern in Deutschland wurde der Rhein-Hunsrück-Kreis 1997 offiziell belobigt. Und heute?

Bericht:

Ein Tankstellenüberfall im Hunsrück von zwei bewaffneten Jugendlichen vor vier Wochen.

O-Ton, Alois Christ, Tankstellenbesitzer:

»Und dann ging plötzlich die Tür auf und zwei kommen hier reingeschneit...’Kasse auf! Geld her! Mach Kasse auf!’ Mit der rechten Hand hält er mir so die Pistole hin und greift da in die Fünfziger rein und weg war er. Da dachte der, ich wollte ihm nach. Direkt vom Türrahmen, schießt er los und das war dann eine Gaspistole. 650 Euro waren es, die dann weg waren. An der Sprache wusste ich schon gleich, wer das war. Es sind Aussiedlerkinder, ungefähr 15 bis 17 Jahre alt, zwei Stück.«

Wir sind in Simmern, im Hunsrück, einem Landkreis mit einem besonders hohen Anteil von Russlanddeutschen. Nach Wiedervereinigung und dem Abzug der Amerikaner kamen über 15.000 Aussiedler. Das bedeutet jeder siebte Hunsrücker hier ist ein Russlanddeutscher. Jetzt bahnt sich bei der Integration der heute 20 bis 35-jährigen Aussiedler ein Fiasko an.

Mehr als 20 Überfälle, so die Polizei auf mehrere Tankstellen, Spielhallen, Geschäfte und Passanten haben Russlanddeutsche in den letzten zwei Jahren hier im Rhein-Hunsrück-Kreis verübt. Der zuständige Oberstaatsanwalt über laufende Verfahren:

O-Ton, Dr. Horst Hund, Leitender Oberstaatsanwalt Bad Kreuznach:

»Russlanddeutscher – Raub, zweifacher Raub. Wir haben einen weiteren Fall hier, abgeschlossene Telefonüberwachungsmaßnahme. Gegenstand war: Handel treiben mit Betäubungsmitteln. Wir haben einen weiteren Fall: Haftbefehl – Raub.

Also im Vergleich zu 1997 ist eine deutliche Zunahme feststellbar. Ich gehe davon aus, dass so ungefähr 30 bis 40% mehr Arbeit mit diesem Personenkreis heute da ist.«

Die Hunsrückgemeinden Kirchberg, Sohren oder Büchenbeuren. Viele der Aussiedler leben in Großfamilien, gehen weder Essen noch in die Kneipe. Jeder Cent wird ins Eigenheim gesteckt. Nur auf den ersten Blick scheint es hier deutscher als Deutsch. In Wirklichkeit sind es russische Enklaven mit 30 bis 40% Aussiedlern. So bleibt man weitgehend unter sich.

Kreisverwaltung in Simmern: Engagiert mit immensem finanziellen und sozialem Aufwand hat der CDU-Landrat, die Integration staatlich befördert. Integrationsprojekte ohne Ende – in Schule, Beruf und Freizeit, vor allem auch Sprachkurse. Dafür gab es eine Auszeichnung vom Bundesinnenministerium vor Jahren. Doch die exorbitant Kriminalität von heute verniedlicht er.

O-Ton, Bertram Fleck, CDU, Landrat Rhein-Hunsrück-Kreis:

»Es gibt sicher auch im Bereich der Jugendkriminalität ein oder andere Dinge, die früher nicht vorgekommen worden sind. Insofern ist die Welt nicht heil. Wir haben aber viele Chancen auch genutzt und ich denke per Saldo war es auch ein Gewinn für die Region.«

Mag sein, aber: Bis zu 70% der Drogendelikte, so schätzen Polizei, Staatsanwälte und Richter gehen auf das Konto der heute 20 bis 35-jährigen, die also ihre Heimat Kasachstan als Jugendliche verlassen mussten. Auffällig bei ihnen, - ein anderes Suchtverhalten. Die Hemmschwelle, harte Drogen wie Heroin zu konsumieren, ist sehr niedrig.

Anton, 35 Jahre, zur Zeit drogenfrei. Als er das fünfte mal vor Gericht stand, wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt. Der Grund: Handel mit und Konsum von Heroin. Er berichtet:

O-Ton, Anton:

»Es gibt solche Sachen, ins Geschäft zu gehen um zu klauen ja und dann verkaufen.«

Frage: Elektronik, Radio...?

O-Ton, Anton:

»Ja, solche Sachen.«

Frage: Handy?

O-Ton, Anton:

»Handy.«

Frage: Was entsteht Ihnen denn so auf das Jahr hochgerechnet für ein Schaden?

O-Ton, Willi Witzenrath, Elektronikfachgeschäft Simmern:

»In der Größenordnung etwa acht bis zehntausend Euro.«

Frage: Wie viele Leute sind denn von den Russlanddeutschen abhängig, was würden Sie denken?

O-Ton, Anton:

»Ich denke, viele Leute sind abhängig. Viele junge Leute sind abhängig. Ungefähr die Hälfte.«

Wohnungsdurchsuchung bei einem Russlanddeutschen. Die Simmerner Sonderarbeitsgruppe „Drogenkriminalität" besteht aus vier Beamten, Arbeit gäbe es aber für zehn, so der Chef, denn die Täter sind besonders raffiniert.

O-Ton, Karlheinz Greiner, Chef Arbeitsgruppe Drogenkriminalität PI Simmern:

»Das ist ein typischer Dealerort. Dieser Ort liegt abseits von den üblichen Verkehrswegen. Er ist von den Tätern einsehbar jederzeit. Das heißt bei polizeilichen Kontrollen zur frühen Abendzeit oder zur Tagzeit sind unsere Wagen und unsere Personen jederzeit zu erkennen und unser Klientel entfernt sich ohne eine Kontrolle befürchten zu müssen.«

Amtsgericht Simmern, vergangene Woche: In nur zwei Jahren steht er das sechste mal vor dem Kadi. Heute geht es um den Besitz einer nicht geringen Menge von Heroin. Auch hier vor Gericht geht das Katz und Maus-Spiel weiter. Seine Kumpels widerrufen Geständnisse oder können sich plötzlich nicht erinnern. Ehernes Gesetz unter Russlanddeutschen: Keine Zusammenarbeit mit Polizei und Justiz. Fazit des Richters aus vielen solchen Prozessen:

O-Ton, Peter Hüttemann, Richter Amtsgericht Simmern:

»Es ist natürlich eine traurige Erfahrung, dass man auch mit Mitteln der Therapie und mit Mitteln des Strafvollzuges kaum einen Heroinabhängigen wieder auf den rechten Weg zurückführen kann.«

Frage: Frustrierend?

O-Ton, Peter Hüttemann, Richter Amtsgericht Simmern:

»Das ist mit Sicherheit auch frustrierend, ja.«

Für den Amtsrichter liegen die Gründe für die gescheiterte Integration junger Russlanddeutscher auf der Hand.

O-Ton, Peter Hüttemenn, Richter Amtsgericht Simmern:

»Es ist auffällig, dass hier auf der Anklagebank befindliche Übersiedler häufig noch nach Jahren nicht in der Lage sind, Deutsch zu sprechen oder zu verstehen.«

Frage: Also zumindest für einen Teil einer Gruppe auch ein fehlender Integrationswille?

O-Ton:

»Fehlender Integrationswille ist mit Sicherheit auch ein Grund. Gefördert dadurch, dass eben so viele schon da sind, man unter seines Gleichen bleiben kann.«

Doch damit nicht genug. Immer mehr Russlanddeutsche sitzen ein wegen Gewaltverbrechen. Von 50 Gewaltverbrechen im Landkreis in den letzten zwei Jahren gehen immerhin 35 auf ihr Konto. Tatort diese Disco im Frühjahr – eine Massenschlägerei, angezettelt von Russlanddeutschen.

O-Ton, Fredy Hetzel, Polizeiinspektion Simmern:

»Ich war selbst hier mit vor Ort an diesem Abend. Es war so eine aggressive Stimmung, ich mache jetzt seit 26 Jahren Polizeidienst, wo es einem kalt über den Rücken läuft, weil die sind einfach nur brutal. Das ist denen auch egal, ob die einen Knüppel in der Hand haben oder ein Glas. Die hauen mit allem zu, was sie haben.«

Der Oberstaatsanwalt bestätigt: Junge Russlanddeutsche haben ein anderes Verhältnis zur Gewalt.

O-Ton, Dr. Horst Hund, Leitender Oberstaatsanwalt Bad Kreuznach:

»Also ich habe deutlich den Eindruck. Wir können das natürlich sehr schlecht belegen. Wir können das nur von unserem Eindruck sagen, von dem, was wir in den Hauptverhandlungen sehen, von dem, was wir in den Verfahren lesen: Und da hat man den Eindruck, dass die Gewaltschwelle eindeutig niedriger ist und der Gewalteinsatz ganz eindeutig massiver ist als bei Deutschen, also bei Deutschen, die hier aufgewachsen sind, muss man da sagen.«

Fazit: Mangelnde Sprachkenntnisse und fehlender Integrationswille, ein anderes Verhältnis zu Drogen und zur Gewalt sind Ursachen für das Fiasko mit den jungen Russlanddeutschen. Die Wut der Einheimischen ist deshalb verständlich.

O-Ton, Alois Christ, Tankstellenbesitzer:

»Ich habe gegen niemanden etwas, wenn er eine andere Nationalität hat, ob schwarz oder weiß. Wir hatten die besten Verhältnisse mit den Schwarzen. Die Besten! Aber wenn der mich nicht mehr in Frieden leben lässt, dann sage ich: Tut mir leid, tut mir leid für unsere Regierung und für alles, wenn so ein Mist hier geduldet wird.«

Quelle: http://www.swr.de/report/aktuell/index.html

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